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DKP Osnabrück 

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04.10.1999

Zu Keynes! - ?

Manfred Sohn  

 

Ein bisschen Biographisches

Small talk mit Dr. Schacht

Egal - Hauptsache, die Lehre stimmt?

Überproduktion oder Unterkonsumtion?

Auf dem Laufsteg der Linkskeynsianer : Bunte Reihe von Lafontaine über Hansen zu Zinn und Sombart

Klingt wie Lafontaine, ist aber der olle Hansen - einer der fleißigsten amerikanischen Neokeynesianer der 50er Jahre.26

Deficit spending als verhängnisvoller Ausweg

Eine brandgefährliche Anbiederei

 

Ohne Zweifel: Keynes erlebt zur Zeit ein Revival. Zur Ablösung des Mannheimer Arbeitsmarktforschers Wolfgang Franz durch den Berliner Ökonom Jürgen Kromphardt in dem erlauchten, nur 5köpfigen Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands schlagzeilte das "Handelsblatt" am 1. Februar dieses Jahres: "Ein keynsianischer Veteran". Er selbst sagt von sich, er sei zwar "kein einäugiger Keynsianer"1, betont aber, er wolle dafür sorgen, dass die Sicht der Nachfragepolitiker in den Gutachten wieder stärker zur Geltung komme. 

Lust auf Keynes auch auf der Linken: Zu seinem 50. Todestag würdigte das damalige PDS-Bundesvorstandsmitglied Joachim Bischoff den Engländer ausführlich und überschwenglich positiv2, im Mittelpunkt einer Tagung des gewerkschaftsorientierten Instituts für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung (isw) am 20./21. November 1998 stand der "Links-Keynsianismus"3und ohne jede Einschränkung rief ein Mitglied des Sekretariats beim Parteivorstand der DKP in der von dieser Partei herausgegebenen Wochenzeitung zu einem "Bündnis der Anhänger von Marx mit denen von Keynes" auf.4

 

Ein bisschen Biographisches

MarxistInnen haben, angefangen vom "Kommunistischen Manifest" bis zum Nichtangriffsvertrag zwischen Stalin und Hitler noch nie Probleme gehabt, mit Teufel, Papst und anderen Bündnisse einzugehen, wenn es denn der Sache dient. Allerdings: ... wenn es der Sache dient. Und damit es der Sache, dem Vorwärtskommen der Kräfte der sozialistischen Zukunft, dient, ist eine Grundvoraussetzung die restlose Klarheit über den- und diejenigen, mit denen ein Bündnis geschlossen werden soll. Einheit oder auch nur Bündnis ohne Klarheit des eigenen Standpunktes führt erwiesenermaßen in die Defensive, in die Bedeutungslosigkeit und den Untergang.

Gegen grobes Unwissen helfen bürgerliche Lexika. Grobes Unwissen in Sachen Keynes führt bei Nachfragen in Kneipengesprächen: "Was weißt Du eigentlich über Keynes?" häufig zu Antworten etwa derart, dass er ein sozialdemokratisch orientierter Wirtschaftswissenschaftler gewesen sei. Häufig wird er übrigens als Amerikaner verortet.

Also Brockhaus Enzyklopädie: John Maynard Keynes, geboren in Cambridge am 5. Juni 1883, gestorben in Firle (Sussex) am 21. April 1946. Gestorben als Baron - geadelt seit 1942 von der englischen Königin.

Das war der Lohn für eine lange Karriere. Sie begann 1906 im britischen Indienministerium, also dem Herzstück des britischen Kolonialsystems. 1915 hatte er sich zum Hauptberater des britischen Schatzamtes vorgearbeitet und brütete vor allem über den Fragen der Kriegsfinanzierung. Das machte er so gut, dass er der Leiter der Delegation des britischen Schatzamtes bei den Versailler Friedensverhandlungen wurde. Dort zog er übrigens grollend aus, weil er die Deutschland auferlegten Reparationsforderungen für zu hoch hielt und fürchtete, das werde sich politisch noch rächen - womit er erstens recht behalten und zweitens Sympathiepunkte in Deutschland sammeln konnte, die hinterher noch ganz wichtig wurden. Aber dazu kommen wir später.

Wir bleiben noch beim Brockhaus: Von 1920 bis 1946 war er Professor am King's College in Cambridge, seit 1920 mit einer russischen Ballerina verheiratet und nebenbei wichtiger Berater des britischen Schatzamtes auch im zweiten Weltkrieg.

 

 

Small talk mit Dr. Schacht

Wer Genaueres über den Mann wissen will, kommt nicht herum um die Biographie, die der Freund der Familie Keynes, R.F.Harrod auf Bitten des Bruders von John Maynard geschrieben hat.5Deutlich wird in dem übrigens gut lesbaren Buch, das auch einen Einblick in die wissenschaftlichen Gedankengänge gibt, dass dieser Mann sein ganzes Leben fest ohne jedes Wackeln in der konservativen Elite seines Landes verankert war, sich keineswegs der Labour Party irgendwie zugeneigt, sondern als überzeugter Diener seiner Majestät zeigt. Der Biographie zufolge hält er von Marx nicht viel, jener gilt in Keynes Club für Politische Ökonomie als "ausrangiert" ("discarded")6. Und in einem Brief an George Bernhard Shaw schreibt er am 1. Januar 1935, dass er zwar den damals erschienenen Briefwechsel zwischen Marx und Engels gelesen habe (und Engels vorzieht), aber keinen großen Gewinn daraus gezogen habe und insgesamt nicht sähe, dass die beiden irgendeinen Schlüssel für das Verständnis der Ökonomie entdeckt hätten. In diesem Brief an Shaw teilt er, Keynes, mit, dass er selbst im Gegensatz dazu an einem Buch arbeite, das tatsächlich die ökonomische Theorie umfassend revolutionieren werde - vielleicht nicht sofort, aber in den nächsten zehn Jahren. Es werde einen "großen Wandel hervorrufen und insbesondere die Ricardo'schen Grundlagen des Marxismus zerschlagen."7

Das Buch, das er hier ankündigt, hat ihn zumindest in Deutschland berühmt gemacht8: The General Theory of Employment, Interest and Money. Diese besondere Berühmtheit hat einen Hintergrund, den manche, die heute unbekümmert zum Bündnis mit den Anhängern Keynes ausrufen, ganz gerne kleinreden. Im Dezember 1935 erscheint die englische Ausgabe. Es dauert kein Jahr, da liegt sie bereits im September 1936 in deutscher Übersetzung vor. Als Marx' Bücher in Deutschland schon brannten, kam also Keynes hier in die Buchhandlungen und Büchereien. Das hatte neben den inhaltlichen Aussagen, zu denen wir noch kommen, auch einen Beziehungs-Hintergrund. Reichsbankpräsident (von 1933 bis 1939), Wirtschaftsminister (1934 bis 1937) und Generalbevollmächtigter für die Wehrwirtschaft (1935-1937) war zu diesem Zeitpunkt in Personalunion Dr. Hjalmar Schacht, Mitbegründer der rechtsliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und Förderer Hitlers auf dem Weg zur Reichskanzlei.

Keynes und Schacht kennen sich gut. Ostern 1928 beispielsweise reisen Keynes und seine Frau privat nach Leningrad und auf der Rückreise besucht Keynes Dr. Schacht - damals schon eine Weile (1923 bis 1930, bevor er zwischenzeitlich unter Brüning demissionierte) Reichsbankpräsident - und führt mit ihm einen ausführlichen Meinungsaustausch über die damals auftauchenden Deflationstendenzen.9

Aber Keynes ist für die faschistische Führung nicht nur kein Unbekannter - seine Theorie passt für die anlaufende Kriegsfinanzierung Deutschlands wie angegossen. Nun ließe sich vielleicht einwenden: "Aber dafür kann Keynes doch nichts! Niemand ist davor gefeit, missbraucht zu werden!". Das wäre eine denkbare Entschuldigung, hätte Keynes geschwiegen. Im "Vorwort zur deutschen Ausgabe" aber, unterzeichnet von Keynes am 7. September 1936 - also nach über 3 1/2 Jahren Hitlerfaschismus - preist er sein Buch an, indem er zunächst um Verständnis dafür bittet, dass es im Ton manchmal etwas scharf sei: "Aber wie kann einer, der in englischer wirtschaftlicher Orthodoxie erzogen wurde, sogar einmal ein Priester jenes Glaubens war, einigen kontroversen Nachdruck vermeiden, wenn er zum erstenmal ein Protestant wird?"10. Er führt dann die Ähnlichkeit des Marxismus und des Liberalismus hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Grundlagen - eben Ricardo - an und lobt, dass es "in Deutschland immer einen großen Teil der Meinung gegeben (hat), der weder zur einen noch zur anderen Schule gehalten hat."11Allerdings hätte es in diesem Vakuum keine eigenständige, alternative Theorie gegeben. Deshalb gäbe es gerade in Deutschland auch einen großen Hunger nach einer solchen, geschlossenen Theorie. Und obwohl er natürlich das Buch vor allem mit Blick auf die Verhältnisse in den angelsächsischen Ländern geschrieben habe, würde es in dieses spezifisch deutsche Vakuum ganz besonders passen. Ja, mehr noch: "Trotzdem kann die Theorie der Produktion als Ganzes, die den Zweck des folgenden Buches bildet, viel leichter den Verhältnissen eines totalen Staates angepasst werden als die Theorie der Erzeugung und Verteilung einer gegebenen, unter Bedingungen des freien Wettbewerbes und eines großen Maßes von laissez-faire erstellten Produktion. Das ist einer der Gründe, die es rechtfertigen, dass ich meine Theorie eine allgemeine Theorie nenne. Da sie sich auf weniger enge Voraussetzungen stützt als die orthodoxe Theorie, lässt sie sich um so leichter einem weiten Feld verschiedener Verhältnisse anpassen. Obschon ich sie also mit dem Blick auf die in den angelsächsischen Ländern geltenden Verhältnisse ausgearbeitet habe, wo immer noch ein großes Maß von laissez-faire vorherrscht, bleibt sie dennoch auf Zustände anwendbar, in denen die staatliche Führung ausgeprägter ist."12

Die staatliche Führung ausgeprägter...! - so kann man Faschismus natürlich auch fassen.

 

Egal - Hauptsache, die Lehre stimmt?

Nun gibt es schlaue Linke, die sagen "Das mag ja alles sein, aber lasst uns doch auf die Sache schauen!". Das wollen wir denn nun auch tun. Und da wir gerne dem ideologischen Gegner die Wahl der Waffen überlassen, konzentrieren wir uns nicht auf die Fragen der Kriegsfinanzierung, die, wie oben ausgeführt, im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Lebens von Keynes stehen, sondern auf seine "Allgemeine Theorie". Es sei aber die leise Frage gestattet, ob diejenigen, die jetzt von links helfen wollen, Keynes wieder stärker in den Sattel zu helfen, sicher sind, dass sie wissen, was sie tun. Es müsste doch angesichts der unbestreitbaren praktischen Nutzanwendung Keynes als finanzwirtschaftlicher Theoretiker vor allem der imperialistischen und insbesondere der faschistischen Kriegführung die Frage gestattet und ernsthaft zu untersuchen sein, ob nicht die gegenwärtige Wiederbelebung von Keynes gerade in Deutschland, die ja von der schwächelnden Linken nicht initiiert wurde, sondern an deren Rockschöße sie sich nur glückselig dranhängt, nicht irgendetwas zu tun haben könnte mit der seit 1989 wiedererwachten Lust am Kriege und der dieser Lust unvermeidlich folgenden Frage, wie solche Feuerwerke denn bezahlt werden können.

Aber gut - die Wahl der Waffen liegt beim Gegner. Also schauen wir uns die reine, die "allgemeine Theorie" von Keynes an. Da der Autor dieses Artikels erstens nicht viel Platz und zweitens auch keinen übertriebenen Anspruch auf Originalität hat, stützen sich die folgenden Ausführungen in ihrem ersten Teil überwiegend auf die scharfsinnige und m.E. bislang nicht überholte Kritik, die George Siskind in der zweiten Hälfte der 50er Jahre entwickelt hat.13

Siskind hatte von 1919 bis zu seiner Ausweisung aus den USA im Jahre 1951 wichtige Funktionen in der KPUSA, u.a. als Leiter der Parteischule und Mitglied des Redaktionskollegiums der theoretischen Zeitschrift "Political Affairs" inne.

Siskind arbeitet in seiner Broschüre zunächst die Ursachen des Einflusses der keynesseschen Lehre heraus und ortet sie in der tiefen Krise, in die das System durch die große Depression nach 1929 gekommen war. Das spürbare Anwachsen der marxistisch orientierten Arbeiterbewegung namentlich in den USA im Gefolge dieser Depression machte die politischen Kreise dieses Landes besonders aufnahmefähig für eine Theorie, die versprach, die Krisenanfälligkeit des Kapitalismus zu beheben, ohne den Kern des Kapitalismus - seine Eigentumsstrukturen und die Profitlogik - selbst in Frage zu stellen. Er weist darauf hin, dass für die Anhänger Keynes damit zutrifft, was Marx bereits über Proudhons Anhänger lästernd zum Besten gab: "Sie wollen alle das Unmögliche, dass heißt bürgerliche Lebensbedingungen ohne die notwendigen Konsequenzen dieser Bedingungen."14

Er setzt sich dann mit einem vermeintlichen Ruhmesblatt Keynes auseinander, nämlich dem, das Gleichgewichtspostulat von Say widerlegt zu haben. Joachim Bischoff stellt das in das theoretische Zentrum seines Lobes zu Keynes: "Keynes wusste um die systembedingte Instabilität des Kapitalismus, um die Tatsache, dass Märkte Gleichgewichte bei Unterbeschäftigung finden und dass hierin die größte Herausforderung der modernen Gesellschaft liegt."15 In der Tat stellt Keynes die Auseinandersetzung mit Say an den Beginn der Entwicklung seiner Theorie: "Das Gesetz von Say, dass der gesamte Nachfragepreis der Produktion als Ganzes gleich ist dem gesamten Angebotspreis aller Produktionsmengen16, ist somit das Äquivalent der Behauptung, dass einer Vollbeschäftigung kein Hindernis im Wege steht."17

Es ist richtig, dass es eine Frontstellung von Keynes gegen Say und damit den Urvater der Angebotstheoretiker gibt. Auf dieser Frontstellung baut auch die Illusion der Möglichkeit eines ideologischen Bündnisses von Marxisten mit den Anhängern von Keynes auf. Aber Siskind hat völlig recht, wenn er bemerkt: "Allein schon auf den ersten Blick kann die Abschaffung einer solchen Absurdität, wie sie das Saysche Gesetz ist, nicht als große Errungenschaft gelten. ... Jedenfalls hat Marx über ein halbes Jahrhundert vor Keynes das Saysche Gesetz als 'Humbug' kritisiert und seinen Verfasser als 'Jammermenschen' und 'kindischen Schwätzer' gebrandmarkt. Während überdies Keynes das Saysche Gesetz nur vom subjektiven, psychologischen Standpunkt aus ablehnt, hat Marx die Sinnlosigkeit dieses Gesetzes unter dem Blickwinkel der Wesensmerkmale und Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktion dargelegt."18

 

 

Überproduktion oder Unterkonsumtion?

Wir kommen damit an dieser Stelle an eine Frage, die gewissermaßen im Zentrum der ganzen Diskussion mit Linkskeynesianern und von diesen Ideen beeinflussten Gewerkschaftern steht. Wir müssen uns diese Frage bereits hier ein bisschen genauer ansehen. Es ist in der Wissenschaft - zumal in der politischen Ökonomie - wie in der Weltraumfahrt: Kleinste Fehler können zu größten Katastrophen führen.

Spätestens seit dem 150. Geburtstag des "Kommunistischen Manifestes" ist es auch in auflagenstarken Blättern modern geworden, sich in diesem oder jenem Artikel mit einem Marx-Zitat zu schmücken. Das soll kritischen Geist und Toleranz beweisen. Um das Ankurbeln der Nachfrage als den vermeintlich Königsweg zur Beseitigung oder wenigstens Glättung des Krisenzyklus marxistisch zu schmücken, gibt es in jüngerer Zeit seitens linker Sozialdemokraten ein neues Leib- und Magenzitat: Das aus der MEW 25, dem dritten Band des Kapitals. Dieses beliebteste aller gegenwärtigen Marx-Zitate lautet: "Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde."19

Ohne in die Marx-Exegese-Schlachten der 70er Jahre zurückzufallen, ist bereits grammatisch klar, dass "die Armut und Konsumtionsbeschränkung" zwar vorne steht, aber treibendes Element für "den letzten Grund aller wirklichen Krisen" eben der "Trieb der kapitalistischen Produktion" ist. Dieser Hinweis ist wichtig, weil das Kernstück der Linkskeynesianer, was sie einerseits von ihrem erzkonservativen Urvater wie andererseits von Marx unterscheidet, die Überzeugung - und eben der Irrglaube - ist, die aus der kapitalistischen Produktion heraus erwachsenen Probleme ließen sich über eine andere Politik der Verteilung im Nachhinein korrigieren.

Das genannte Zitat ist deshalb so beliebt, weil es das ist, in dem diese Seite der Verteilung bei Marx selbst scheinbar gleichrangig auftaucht. Es taucht übrigens auf in seiner Analyse über das zinstragende Kapital, streift also hier nur die Sache der Krisen, ohne dass diese im Zentrum dieses Kapitels stünde. Es gibt nach meiner Kenntnis auch keine andere Stelle bei den von Marx und Engels veröffentlichten Texten, in denen ein solches Missverständnis der Verschiebung der Krisenursachen von der Produktion in die Verteilung auch nur ansatzweise auftauchen könnte. Das zieht sich vom "Kommunistischen Manifest", wo klipp und klar von der "Epidemie der Überproduktion"20die Rede ist bis hin zum populärsten Spätwerk von Friedrich Engels, der die bis dahin abgelaufenen zyklischen Krisen in den Worten zusammenfaßte: "Und der Charakter dieser Krisen ist so scharf ausgeprägt, dass Fourier sie alle traf, als er die erste bezeichnete als crise pléthorique, Krisis aus Überfluß."21

Wir kommen auf diese kleine, aber immens wichtige Unterscheidung bei der Auseinandersetzung mit dem Linkskeynesianismus zurück, müssen aber für tiefer theoretisch interessierte an dieser Stelle noch einen kurzen Hinweis geben, bevor wir mit der Referierung Siskinds fortfahren:

Der Gedanke, durch die Besserstellung des Arbeiters bzw. Angestellten die Krisen abschaffen, mindern oder wesentlich mildern zu können, ist schon deshalb grundfalsch22, weil der Lohnarbeiter, wenn er denn einer sein will, immer mehr Mittel produzieren muss, als er direkt oder indirekt zurückbekommt - sonst gäbe es kein Interesse des Kapitalisten, seine Arbeitskraft zu erwerben.

Kapitalismus ist von Natur her eine Produktionsweise, die die bestehenden Grenzen beständig in Frage stellt. Diese Tatsache liegt auch der Wirkungslosigkeit der klassischen keynesianischen Wirtschaftspolitik zugrunde, die in allen kapitalistischen Ländern in den 60er und 70er Jahren dominierte. Denn der Grundgedanke der Kanzler Schmidt'schen Formel "Die Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen." beruht auf dem Gedanken, durch Investitionsanreize Arbeitsplätze schaffen zu können. Lange bevor von Kanzler Schmidt die Rede war, kann sich deshalb auch Siskind ausführlich mit diesem Ansatz auseinandersetzen und führt gestützt auf Marx aus, dass der Kern der Krise ja gerade der "Überfluß von produktivem Kapital" ist, nicht ihr Mangel.23

Mehr noch. Zusätzliche Kapitalinvestitionen können tatsächlich in einer Phase der Stagnation die Arbeitslosigkeit vorübergehend mindern. Insofern ist auch das Absenken von Zinsen durchaus von gewissen lindernden Effekt so wie ein Eukalyptus-Bad bei Bronchitis. Aber wer nach der Badekur herumhüpft und glaubt, damit hätte er genug getan, den holt die Lungenentzündung ein, denn: "Die Tendenz der kapitalistischen Produktion, sich unabhängig vom Verbrauch zu entwickeln und die Marktkapazität hinter sich zu lassen, würde durch steigende Kapitalinvestitionen verstärkt werden. Denn die durch erhöhte Investitionen erzielten zusätzlichen Beschäftigungsmöglichkeiten und die vermehrte Kaufkraft würden mit der noch größeren Ausweitung der Produktion nicht Schritt halten. Die Kluft zwischen Produktion und Konsumtion würde immer breiter werden und die Überproduktion im Verhältnis zur gesellschaftlichen Konsumtionsfähigkeit steigen."24

 

Auf dem Laufsteg der Linkskeynsianer : 
Bunte Reihe von Lafontaine über Hansen zu Zinn und Sombart

Während Keynes dem Irrtum unterliegt, die Grundgesetze kapitalistischer Produktionsweise über die Investitionen, zum Teil über Zinshebel, außer Kraft setzen bzw. umgehen zu können, setzen die Neo- oder Linkskeynesianer vor allem auf die Steigerung des Verbrauchs bzw. der Nachfrage  als Haupt-Heilmittel - teilweise treten beide Bemühungen auch im Gemisch auf - das sind dann die, wie eingangs oben bereits zitiert - "nicht einäugigen" Keynesianer. Insofern liegt der SPIEGEL völlig richtig, wenn er Lafontaine zum "bekennenden Keynesianer" macht und fortfährt: "Er verläßt sich auf eine Handvoll Getreuer, die wie er an die Segnungen der Nachfragestärkung, an politisch festgelegte Wechselkurse und niedrige Zinsen glauben."25

Es könnte tatsächlich in einer der Schulmeister-Reden von Lafontaine stehen, wenn es hieße: "Bei ungleicher Verteilung des Einkommens besteht die Tendenz, den Umfang der für die private Konsumtion bestimmten Ausgaben, also die Funktion der Konsumtion zu verringern, weil das Einkommen zu stark denen zufließt, deren Bedürfnisse schon weitgehend befriedigt sind und die deshalb nur einen Teil ihres Einkommens für Verbrauchsgüter und Dienstleistungen ausgeben. In dem Maße wie das Nationaleinkommen den Familien mit niedrigeren Einkünften zugute kommt, das heißt, den Familien, die einen hohen Anteil ihres Einkommens ausgeben, werden die Gesamtausgaben für die private Konsumtion ansteigen."

 

Klingt wie Lafontaine, ist aber der olle Hansen - 
einer der fleißigsten amerikanischen Neokeynesianer der 50er Jahre.26

Dies ist der Kern- und Hauptglaubenssatz aller Linkskeynsianer und in welch unsäglichem Kauderwelsch von dieser Seite theoretisch alles mögliche durcheinandergerührt wird, hat der Professor Zinn jüngst wieder hübsch unter Beweis gestellt, als er in München formulierte: "Die wesentlichen Ursachen der Stagnation sind letztlich nachfrageseitiger Art. ... es mag im Moment genügen, sich klarzumachen, dass seit langer Zeit auf fast allen Märkten Überkapazitäten bestehen."27

Auch hier wird der Grundirrtum gepflegt, dass die kapitalistischen Krisenerscheinungen von der Zirkulation oder dem Mangel an Kaufkraft herrühren und nicht von dem innerhalb kapitalistischer Grenzen unausrottbaren Drang nach Überproduktion. Das ist seit Marx nicht nur theoretisch und abstrakt klar, sondern auch, wie Siskind zu Recht betont, historisch und praktisch: "Wenn wirklich die ungenügende Konsumtion zu Überproduktion und Krisen führte, müsste der stärkste Rückgang im Wirtschaftszyklus notwendig auf Perioden des niedrigsten Konsumtionsniveaus folgen. Marx selbst widerlegte jedoch die von Rodbertus vertretene Unterkonsumtionstheorie der Krise restlos durch die Feststellung, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Krisen folgen unweigerlich auf Perioden des Aufschwungs, wenn Beschäftigung und Kaufkraft den relativ höchsten Stand erreicht haben."28

Marx ist gegen den armen Zinn und Kameraden in der Wortwahl übrigens noch sehr viel schärfer: "Es ist eine reine Tautologie zu sagen, dass die Krisen aus Mangel an zahlungsfähiger Konsumtion oder an zahlungsfähigen Konsumenten hervorgehen. Andere Konsumarten als zahlende kennt das kapitalistische System nicht, ausgenommen die sub forma pauperis oder die des 'Spitzbuben'."29

Die Auseinandersetzung, um die es hier geht, zieht sich durch die Arbeiterbewegung, solange es wissenschaftlichen Sozialismus gibt. An ihrem Kern ändert auch das Unterlegen der verschiedenen Positionen mit aktuellen Zahlen nichts.

Was die deutsche Debatte um diese Frage angeht, so hat sie die Eigenart, die erste nach-marx'sche Runde dieser Schlacht auszublenden: Sie fand zum Beginn dieses Jahrhunderts zwischen dem in der Sozialdemokratie an Einfluss gewinnenden Professor Sombart aus Breslau einerseits und der jungen Redakteurin Rosa Luxemburg andererseits statt.

Sombart bemühte sich, in Richtung der kaiserlichen Regierung dafür zu werben, den Arbeitern mehr zu geben. Das würde letztlich allen nützen: "Aber auch auf die Dauer wirkt die Steigerung des Anteils der Arbeiterklasse am Produktionsertrage, wie sie die Gewerkvereine erstreben, krisenmindernd; denn sie hebt den Wohlstand der Massen, weitet deren Konsumfähigkeit aus, festigt also den Absatz in den am letzten Ende doch ausschlaggebenden Reihen der großen Menge und damit den ungestörten Verlauf der wirtschaftlichen Produktion."30

Auch Rosa Luxemburg kommt nicht umhin, noch einmal den Kern der marx'schen Krisentheorie zu referieren und fasst gegen Sombart zusammen: "Die Annahme, dass die Erweiterung der regelmäßigen Nachfrage die Krisen 'mindert', setzt voraus, dass die Produktion über die nunmehr erweiterten Marktschranken nicht ebenso spielend wieder hinauseilen kann, das heißt, dass die Produktionsgrenzen oder, was dasselbe, das Produktionskapital beschränkten Umfang haben."31

Die insgesamt außerordentlich lohnende Auseinandersetzung Sombart : Luxemburg hat in den deutschen Debatten bisher eine geringe Rolle gespielt. Das dürfte auf beiden Seiten biographische Gründe haben. Rosa Luxemburg's Beitrag insbesondere zur Weiterentwicklung der ökonomischen Seite des wissenschaftlichen Sozialismus ist in der DDR geringgeschätzt worden und Sombart, der sich heute liest wie ein Redenschreiber von Lafontaine und der vor dem ersten Weltkrieg ein ökonomischer Kronzeuge des nur-gewerkschaftlichen Flügels der deutschen Sozialdemokratie war, hat sich seine eigene Zitierfähigkeit für spätere Zeiten versaut, nachdem er nach und nach immer weiter nach rechts gerutscht ist und das 1934 mit seinem Jubelwerk "Deutscher Sozialismus" krönte.

Erwähnt sei nur noch - ohne dass es inhaltlich an den Auseinandersetzungslinien etwas Neues gebracht hätte - der gewisse Aufschwung in der Debatte um nachfrageorientierte Politik in den 60er und 70er Jahren der BRD:

"In der BRD hat sich seit Mitte der 60er Jahre der Einfluss des Neokeynesianismus beträchtlich verstärkt. Dieser Einfluss wurde... durch die offizielle Regierungspolitik der SPD mit Übernahme von Regierungsverantwortung zunächst im Rahmen der Regierung der 'Großen Koalition' ab Herbst 1966 und später in der sozialliberalen SPD-FDP-Regierung unterstützt. Die Ideologie des Sozialdemokratismus ist übrigens auf politökonomischem Gebiet schon immer mit der Keynesschen Wirtschaftstheorie aufs engste verbunden gewesen.

Das politökonomische Lehrsystem von Keynes und seiner heutigen Anhänger bildet darüber hinaus ein reiches Arsenal an ökonomisch-theoretischen Doktrinen für den modernen Revisionismus. Um den Keynesianismus den breiten Volksschichten schmackhaft zu machen, unternehmen bürgerliche Ideologen in jüngster Zeit sogar die im Grunde lächerlichen Versuche, Marx mit Keynes in Einklang zu bringen."32

Genug geschichtliche Literaturschau. Für alle gilt, was in einer jüngeren Arbeit über Keynes Kurt Gossweiler zusammenfassend geschrieben hat: "Die Dialektik der Entwicklung der Keynesianischen Variante staatsmonopolitischer Wirtschaftspolitik besteht darin, dass sie in ihrer Endphase unvermeidlich in jene andere Variante mündet, die sie abgelöst hat und als deren genaues Gegenteil sie in den dreißiger Jahren in die Welt getreten ist mit dem Anspruch, jene Katastrophe zu vermeiden, in die diese andere damals geführt hatte - in die Deflationspolitik mit ihrer radikalen Kürzung der Staatsausgaben und ebenso radikalen Beschneidung der Massenkaufkraft."33

 

Deficit spending als verhängnisvoller Ausweg

Die hier von Gossweiler so düster angedeutete Prophezeiung hat einen logischen und einen historischen Grund: Keynesianismus ist in allen seinen Spielarten einschließlich derer (wie Sombart), die historisch vor ihm kommen und folglich nicht mit seinem Namen verknüpft sind, ohne von der inneren Systematik etwas anderes zu sein, immer der Versuch, eine drohende oder gallopierende kapitalistische Krise mit kapitalistischen Mitteln zu bändigen. Das funktioniert nicht - weder durch Zinssenkung noch durch andere Mittel der Investitionsförderung, weil diese Mittel am Herd der Krise, der Überproduktion, vorbeigreifen. Sosehr diese Mittel daher kurzfristig eine Linderung herbeiführen, so sehr verstärken sie tatsächlich schon mittelfristig die Zerrüttung des kapitalistischen Medikamentenschrankes. Und deshalb hat Gossweiler von der inneren Logik des Problems völlig recht, wenn er ankündigt, dass auf jede neue Welle Keynesianismus notwendigerweise eine neue Welle Reagonomics, Neoliberalismus, Thatcherismus, Neokonservatismus oder wie sie je nach Modelaune alle heißen mögen, kommen wird wie die Flut der Ebbe folgt.

Da der Keynesianismus in allen seinen aktuellen Spielarten eine Erscheinung des Imperialismus ist, ist er immer auch Instrument des Staates, ohne dessen Hilfe das kapitalistische System in Stadium der Monopolbildung nicht mehr lebensfähig ist - allem Deregulierungsgerede, das die Propagandaebene deutlich mehr beherrscht als die Ebene der ökonomischen Fakten, zum Trotz.

Dies aber führt, selbst wenn eine solche Politik sich durchsetzt, zu einer weiteren Forcierung der Verschuldung des Staates gegenüber den privaten Banken und Versicherungen. Dieses Schuldenmachen wird kein Deut weniger problematisch, wenn es modern als "deficit spending" daherstolziert.

Auch dies ist weder ein neues Rezept noch ein neues Problem: "Die liberalen Neo-Keynsianer, deren Vorschläge sich in Wahrheit darauf beschränken, man solle aus Staatsgeldern öffentliche Arbeiten finanzieren und die Konsumtion stützen, versprechen Vollbeschäftigung und ständigen Wohlstand, wenn nur die Regierung ausreichende Ausgaben bewilligt."34

Die scheinbar erbitterte Differenz zwischen ihnen und anderen Vertretern bürgerliche Ökonomie ergibt sich lediglich daraus, dass die Keynesianer händeringend beschwören, diese Impulse würden sich indirekt auch segensreich für die Monopole auswirken, während die Monopole in der Regel ihren Monopolprofit lieber direkt auf Kosten des Einkommens und der Konsumtionskraft der Volksmassen erhöhen wollen.

Für die Aufhebung dieses Widerspruchs gibt es nun ein Mittel: den Staatskredit. Der Handel, der gemacht wird, geht ungefähr so: Der Monopolprofit wird staatlicherseits nicht angetastet. Quasi im Gegenzug darf der Staat die Nachfrage fördern und gleicht die entstehenden Verluste bei den Steuereinnahmen durch Schuldenaufnahme bei privaten Instituten aus. Daraufhin können sich die Großunternehmen locker zurücklehnen und warten, ob der Nachfrageimpuls tatsächlich bei ihnen landet. Denn sie sind so oder so - die Stabilität des Systems mal vorausgesetzt - auf der sicheren Seite: Die Verschuldung des Staates ist nichts anderes als eine Ansammlung von Schuldtiteln der Unternehmen und der 10%-Fettschicht, die es in jeder kapitalistischen Gesellschaft gibt und deren Einlagen bei Banken und Versicherungen nunmehr mit staatlich garantiertem Zins regelmäßig gespeist werden und sie mästen. "Demnach sind die Nutznießer dieser beunruhigend hohen Staatsschuld vornehmlich Banken und Industriegesellschaften, während die Last der Zahlungen hauptsächlich vom Volk getragen wird. ... Der Mechanismus der Defizit-Finanzierung an sich bereichert ... diejenigen, deren Konsumtionskraft bereits auf Kosten des Volkes übersättigt ist, von dem ein Teil des Einkommens und die potentielle Kaufkraft an die Banken übergeht."35

Siskind spricht hier von einer "beunruhigend großen Staatsschuld". Das ist ganz heilsam, weil wir ja in einer Zeit der Fetischierung des Neuen leben und manche Linke ganz rollende Augen bekommen, wenn sie von den "uuungeheuerrrlichen" Wachstumsraten der Verschuldung, der Internationalisierung des Warenverkehrs und anderen gigantischen Zahlenkolonnen sprechen. Siskind spielt hier darauf an, dass sich die amerikanische Bundesschuld von 1929 bis 1954 von 16,5 auf 230,2 Milliarden Dollar explosionsartig vergrößert hat. Das ist - bei damals niedrigen Inflationsraten - innerhalb von 25 Jahren eine Steigerung um den Faktor 14. Von 1975 bis 1998 hat sich die Verschuldung der öffentlichen Haushalte der Bundesrepublik von 256 auf 2252 Milliarden DM vergrößert. Das ist innerhalb von 23 Jahren eine Steigerung ungefähr um den Faktor 936. Diese Überschuldung ist in ihrer Dynamik also nichts qualitativ schrecklich neues und es gibt auch innerhalb des kapitalistischen Systems keine absolute Grenze, in der etwa die Verschuldung notwendigerweise in den big bang umschlägt.

Der Kern bleibt damals wie heute, in den USA wie im kapitalistischen Deutschland der bereits dargelegte: Der Verschuldungsmechanismus macht über den Umverteilungs-Staubsauger, der ihm automatisch eingebaut ist, alle Bemühungen zunichte, über eine andere Verteilung die Gesetze zu umgehen, die aus der Bauweise der Produktion herrühren.

 

Eine brandgefährliche Anbiederei

Nun gibt es von marxistischer Seite häufig das Klagelied: Das mag ja alles stimmen, aber wir sind doch so schwach, verderben wir es uns da doch nicht auch noch mit den Linkskeynsianern - die sind doch die einzigen, die noch mit uns reden wollen und außerdem wollen wir doch wie sie höhere Löhne!

Darauf ist zunächst zu antworten, dass alles vorher gesagte natürlich in keiner Silbe gegen den Kampf um Lohnerhöhungen spricht, sondern lediglich dagegen, diesen Kampf mit wissenschaftlich unhaltbaren Versprechungen zu führen. Die Gewerkschaften haben die unverzichtbare Aufgabe, dem beständigen Druck des Kapitals auf Senkung des Werts der Ware Arbeitskraft bis an die unterste Existenzgrenze und ihrem Bestreben, die industrielle Reservearmee zu vergrößern und mit ihrer Hilfe wiederum die Löhne zu senken, Widerstand entgegenzusetzen. Und wenn die politischen Bedingungen günstig sind - wie nach dem Doppelsieg der Arbeiterbewegung 1917 und 1945/49 - dann sind sie sogar in der Lage, Schritt um Schritt spürbare reale Einkommensverbesserungen durchzusetzen.

Aber es geht nicht an, ihnen vorzumachen, dass sich dadurch aktuell die Arbeitslosigkeit spürbar dämpfen oder gar beseitigen ließe. Schlimm genug ist das, wenn es aus Unkenntnis der marx'schen Krisentheorie geschieht. Schlimmer wird es, wenn wir dabei die Geschichte verfälschen. Dann wird das Gebiet wissenschaftlicher Redlichkeit verlassen. Es geht zum Beispiel nicht an, zur Unterstützung von Keynes auf den "New Deal" von Roosevelt zu verweisen und über diese Politik dann jubelnd auszurufen: "Ein überaus erfolgreiches Unterfangen."37

Jeder, der die Geschichte der Großen Depression auch nur ansatzweise studiert hat - und bei Bischoff muss man davon ausgehen - weiß, dass ihre Überwindung gerade in den USA deutlich langsamer vonstatten ging als in England, Deutschland oder Italien, dass ihre Industrieproduktion selbst 1937 mit Mühe und Not das Niveau von vor der Krise wieder erreicht hatte und dass erst die heranmarschierende Kriegskonjunktur die sich ab 1938 abzeichnende neue zyklische Krise in den USA wegbog. Damit begaben sich die USA auf den "Erfolgspfad", der in Deutschland als einzigem großen kapitalistischen Land dazu führt, dass die Daten der Industrieproduktion sich 1937 nicht erneut abschwächen, sondern ungebrochen nach oben zeigten. Dieser Erfolgspfad war der Kriegspfad und er wurde in Deutschland mit ausdrücklichem Verweis auf Keynes betreten.38

Damit aber schließt sich der Kreis zum Beginn dieses kurzen Überblicks. Es ist eben - leider - nicht so, dass die Keynesianische Theorie nur heiße Luft ist. Sie ist in ihrer inneren Logik, von den Intentionen ihres Verfassers und von ihrer praktischen Relevanz her vor allem eine Theorie mit dem Doppelsinn, erstens eine ideologische Brandmauer gegen die Unvermeidlichkeit des Sozialismus zu errichten und zweitens Wirtschaftskraft aus der Zukunft in die Gegenwart zu transferieren und in diesem zweiten Aspekt bekommt sie ihre Bedeutung vor allem in Zeiten steigender Kriegslust.

Die letzten 40 Jahre wissenschaftlicher Sozialismus waren in Deutschland schon zu oft geprägt vom Vorrang schlauer Taktiken vor der nüchternen Verbreitung der Grundeinsichten des wissenschaftlichen Sozialismus. Das Ergebnis ist inzwischen hoffentlich ernüchternd genug: Sozialdemokratische Ideologie regiert in der Linken fast unangefochten, die Kommunisten sind marginalisiert und die - sozialdemokratisch orientierte - deutsche Regierung marschiert mit Keynes unter dem Arm in den nächsten Krieg. Das alles ist nicht widersinnig, sondern hat eine innere Logik. Gegen diese Logik hilft nur nüchterne und sich selbst und anderen gegenüber unbarmherzige wissenschaftliche Redlichkeit, hilft nur der Vorrang der Wissenschaftlichkeit vor schlauer Taktik, hilft nur das Prinzip Wahrheit und Klarheit vor Gedusel und Brei.

 

Manuskript abgeschlossen am 27. Februar 1999

1 Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ), 16.2.9
2 Neues Deutschland, 18. April 1996
3 isw-Report Nr. 39, Februar 1999, erhältlich über das isw, Johann-von-Werth-Str. 3, 80639 München
4 unsere zeit, herausgegeben vom Parteivorstand der DKP, 4. Dezember 1998
5 The Life of John Maynard Keynes, by R.F.Harrod, London 1951
6 ebenda, p. 327
7 ebenda, p.462
8 Es hat ihn zwar nicht nur in Deutschland berühmt gemacht, namentlich hier hat es aber in gewisser Weise die Sicht auf seine anderen wichtigen Publikationen - u.a. "How to pay for the war" verstellt, die zu seinen Lebzeiten erheblich mehr praktische Relevanz in Großbritannien und den USA hatten als seine "Allgemeine Theorie"
9 Harrod, a.a.o., p. 394
10 John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, ins Deutsche übersetzt von Fritz Weger, 1. Auflage Berlin 1936, S. VIII
11 ebenda
12 ebenda, S. IX
13 George Siskind, John Maynard Keynes - ein falscher Prophet, in deutscher Übersetzung erschienen im Dietz Verlag, Berlin 1959
14 ebenda, S. 7
15 Joachim Bischoff, Neues Deutschland, 18. April 1998
16 Das Festhalten an diesem längst widerlegten Glauben ist das Zentrum der angebotsorientierten Politik, die in ihrer theoretischen Dürftigkeit tatsächlich noch die von Keynes übertrifft, dessen theoretisches Hauptwerk der amerikanische Nobelpreisträger Samuelson u.a. als voll von "unsinnigen und wirren Erklärungen" charakterisierte - vgl. P.A. Samuelson, The General Theory, in: The New Economics, in S.E. Harris, New York 1950, S. 148/149, hier zitiert nach Siskind, a.a.O., S. 9
17 J.M.Keynes, a.a.O., S. 23
18 Siskind, a.a.O., S. 27
19 Marx-Engels Werke, Band 25, Berlin 1975, nachfolgend (analog dazu bei allen Ausgaben der Marx-Engels-Werke) abgekürzt als MEW 25, S. 501
20 MEW 4, S. 468
21 MES 19, S. 219
22 Weil unbequemen Wahrheiten das Missverständnis immer gleich auf dem Fuße folgt, deshalb hier bereits das weiter unten genauer Darzustellende: Das spricht nicht gegen die Besserstellung, für die zu kämpfen, kein Arbeiter oder nach Tarif bezahlter Angestellter irgendeinen theoretischen Grund anzuführen braucht - ihn treibt das materielle Interesse und das ist gegen alle Theoreibesessenen Grund genug für reichlich Lohnerhöhungen. Man sollte nur niemandem, am wenigsten sich selbst dummes Zeug einreden, indem man Glauben machen will, dadurch Krisen und Arbeitslosigkeit beseitigen oder wesentlich mildern zu können. Das geht nur mit Eingriff in die kapitalistische Produktionshoheit, nicht über Verteilungskämpfe und seien sie noch so wacker.
23 Siskind, a.a.O., S. 46
24 ebender, S. 47
25 SPIEGEL 8/1999 vom 22. Februar 1999, S. 78
26 hier zitiert nach Siskind, a.a.O., S. 52f
27 isw-Report Nr. 39, a.a.O., S. 6
28 Siskind, a.a.O., S. 58f
29 MEW 24, S. 409
30 Werner Sombart, Dennoch! Aus Theorie und Geschichte der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung, Jena 1900, S. 87, hier zitiert nach Rosa Luxemburg, Die "deutsche Wissenschaft" hinter den Arbeitern, in: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Band 1, Erster Halbband, Berlin 1990, S. 774
31 Rosa Luxemburg, ebenda, S. 775
32 Herbert Meißner (Hrsg.), Bürgerliche Ökonomie ohne Perspektive, Frankfurt 1976, S. 144f. Die letzte Bemerkung spielt insbesondere an auf die Arbeit von Paul Mattick, Marx und Keynes, Wien usw. 1971. Übrigens enthält das Buch auf ungefähr 15 Druckseiten eine gute zusammenfassende Einführung in die Lehren Keynes.
33 Kurt Gossweiler, John Maynard Keynes - ein Ratgeber für uns und unsere Probleme?, in Topos, Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie, Aisthesis Verlag, Bielefeld 1997, S. 53
34 Siskind, a.a.O., S. 62
35 Siskind, a.a.O., S. 71f
36 Zahlen nach "isw Wirtschaftsinfo" Nr. 28, Februar 1999, S. 25
37 Joachim Bischoff, a.a.O.
38 Zahlen nach "Anschauungsmaterial Politische Ökonomie Kapitalismus", Berlin 1984, S. 88. Vgl. dazu auch Siskind, a.a.O., S. 83f, der u.a. darauf hinweist, dass am Ende des gefeierten "New Deal", also 1939 die USA immer noch 10 Millionen registrierte Arbeitslose hatten, die erst im 2. Weltkrieg dann verschwanden - wohin wohl?

  

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