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DKP Osnabrück 

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Unsere Zeit

04.10.1999

junge Welt

23.04.1999

Im Zeitalter der Weltkriege

Gehversuche des Weltmachtpraktikanten Deutschland und die US- Antwort.

Von Manfred Sohn

In ihrer 1915 während der Berliner Haft geschriebenen, ein Jahr später in Zürich erschienenen »Junius-Broschüre« konkretisiert Luxemburg den Gedanken von Engels, dass die bürgerliche Gesellschaft vor dem Dilemma stehe: Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei. Und sie schreibt weiter: »Dieser Weltkrieg - das ist ein Rückfall in die Barbarei. Der Triumph des Imperialismus führt zur Vernichtung der Kultur - sporadisch während der Dauer eines modernen Krieges und endgültig, wenn die nun begonnene Periode der Weltkriege ungehemmt bis zur letzten Konsequenz ihren Fortgang nehmen sollte.«

Vom Weltkrieg redeten damals alle. Aber Rosa Luxemburg spricht im Plural: Periode der Weltkriege.

Dahinter steht dieselbe Erkenntnis, aus der heraus Lenin zu der bitteren Einschätzung kam, dass Imperialismus per se friedensunfähig sei, dass seine innere ökonomische Struktur unvermeidlich ständig auf Aggression nach außen und Repression nach innen dränge. Dieses innere Wesen kann in seiner Entfaltung durch bewaffnete Macht von außen - wie 1949 bis 1989 geschehen - gehindert, aber niemals ohne Zerbrechen dieser Struktur eliminiert werden. Vom Entwicklungsstand der Produktivkräfte her schreit die Welt nach Einheit, nach Planmäßigkeit, nach Demokratie, Kultur und Arbeitszeitverkürzung. Aber weil sich in unserer Epoche die Produktivkräfte noch unter den Bedingungen des Privateigentums an Produktionsmitteln, des Kampfes der Monopole und der von ihnen beherrschten Regierungen um Einflusszonen, Handelswege, Absatzmärkte und Rohstoffe entwickeln, entarten sie. Imperialismus kann eben, wie der Marburger Philosoph Wolf-Dieter Gudopp in einer der treffendsten Formulierungen der letzten zehn Jahre einmal geschrieben hat, »als die Perversion dessen bezeichnet werden, was Sozialismus sein soll«.

Also wird die Einheit der Welt nicht durch Kultur und Geist, sondern durch Blut und Eisen hergestellt. Einige Jahrzehnte flammte die 1917 von Petersburg ausgehende Hoffnung auf, die auch in der erwähnten Junius-Broschüre anklingt: dass die arbeitende Bevölkerung gerade der großen imperialistischen Nationen gestützt auf die Erkenntnisse des wissenschaftlichen Sozialismus stark und klug genug sein würde, diese Perversion zu beenden. Immerhin: Die Kraft war da, um ein Jahr nach dem Sturm auf das Winterpalais die erste Etappe der Periode der Weltkriege zu beenden. Es war dieselbe Kraft, die aus dem deutsch- faschistischen Versuch, in der zweiten Etappe dieses rote Menetekel von der Wand wegzubrennen, siegreich hervorging, als die Rote Armee 1945 ihr Banner auf den zerbombten Reichstag in Berlin pflanzte.

Wir hier jetzt, am Ende dieses geschundenen Jahrhunderts, wir hier stehen am Beginn der dritten Etappe in der Periode der Weltkriege.

Der Krieg 900 Kilometer südlich unserer Landesgrenzen, das ist keine Nachwehe, keine Restbeseitigung störrischer sozialistischer Inseln. Das ist noch nicht einmal ein gemeinsamer Feldzug imperialistischer Regierungen gegen unbotmäßige Teile der Welt, die sich der Öffnung ihrer Märkte für die Monopole widersetzten, wie von Marx beeinflusste Theoretiker der linken Sozialdemokratie einige Zeit prophezeiten. Die Ereignisse, deren Zeitzeugen wir sind, deuten auf mehr.

 

Treibende Kraft des Konflikts

Was tut sich denn dort? In den USA hat es eine offene parlamentarische Debatte um diesen Kriegseinsatz auf dem europäischen Balkan gegeben. Darin haben die Kriegsbefürworter Klartext geredet und sinngemäß gesagt: Natürlich müssen wir da rein, erstens wegen der Bedeutung des Balkan für die geostrategischen Verbindungen zum Persischen Golf und zum Kaukasus und zweitens, weil wir eben wegen dieser Verbindung diesen Teil Europas nicht den Europäern allein überlassen dürfen.

Und es sei daran erinnert, dass, als Europa den gelungenen Start des Euro feierte, die Wall Street gelobte, sich gegen den Versuch, den Dollar als Weltleitwährung auszubooten, mit allen Mitteln zu wehren. Und wenn der erfahrene US-Imperialismus sagt, »mit allen Mitteln«, dann meint er auch »mit allen Mitteln«.

Nun mag man ja jammernd fragen, warum die NATO denn weitermacht, wo doch die angeblichen Ziele dieses Krieges immer weiter wegrücken. Jammern hilft nicht. Kommen wir von der Anklage zur Analyse. Und die wahren Ziele sind eben unterschiedlich: Deutsch-Europa, also Euroland, hat sich seit der Annexion der DDR und erkennbar seit Genschers Kroatien- Durchmarsch entschlossen, mit dem Balkan beginnend wieder in Weltpolitik zu machen. Die USA haben - verbündet mit dem zunehmend Euro-skeptischen Britannien - gesagt, dass sie Bonn/Berlin diese Suppe versalzen werden. Also fackelt die NATO unter amerikanischem Druck in Europa herum, schickt den Euro auf Talfahrt und zwingt die Bonner Weltmachtpraktikanten auch noch, die Suppe mitzulöffeln, statt ihre Hoffnungen auf ein in Ruhe erstarkendes Europa nähren zu können. Um es auf einen Satz zu bringen: Dieser Balkankrieg ist das Resultat des dritten deutschen Versuchs, sich auf dem Balkan als Schutzmacht zu etablieren und der wilden Entschlossenheit des US-Imperialismus, diesem Ansinnen einen Riegel vorzuschieben. Die Opfer dieses imperialistischen Spiels sind erstens die Völker Jugoslawiens, zweitens andere Balkanvölker und - wenn es nicht beendet wird - der Rest Europas.

Übrigens: Mit etwas Phantasie kann sich jeder die öffentlichen Tränen und die heimliche Freude deutscher Generäle und Konzernherren vorstellen, wenn ihnen zum Beispiel gelänge, die Zapatistenbewegung so zu entwickeln bzw. zu deformieren, dass sich ein Bürgerkriegsszenario an der US-amerikanischen Grenze darstellen ließe, zu deren Befriedung dann deutsche Kriegseinheiten ausgesandt werden könnten, die dort herumbomben. Die Zeitungen wären vorne voll der Tränen und würden hinten, im Wirtschaftsteil, verhalten, aber detailliert berichten, wie Dow Jones und Dollar gegenüber Dax und Euro auf Sinkflug gingen.

Diese Hoffnung ist so stark, dass manche alten deutschen Imperialisten den Mund nicht halten können. Das »Handelsblatt« zitierte am 13. April den Chefvolkswirt der Deutschen Bank mit der Befürchtung, dass aufgrund des Krieges der Dollar im Vergleich zum Euro noch stärker werde, denn er finde »eher in unserem Hinterhof und nicht im amerikanischen« statt. Jugoslawien als Hinterhof des Euro und Bedauern darüber, dass es im amerikanischen Hinterhof nicht knallt und blitzt - geht es klarer?

Die USA haben ein offen artikuliertes Interesse an den Ölquellen des Kaukasus und des Nahen Ostens. Dank des Bosnien-Krieges haben sie Zugriff auf eine große Anzahl neuer Militärbasen: Mazedonien, Bosnien, Kroatien, Albanien, Ungarn. Zusammen mit ihren traditionellen Basen (Spanien, Italien, Griechenland, Türkei usw.) beherrschen sie die europäische Südflanke so, dass sie Berlin und Paris klar sagen können: Ohne uns habt ihr weder zum Mittleren Osten noch zu den Filetstücken der Ex-Sowjetunion irgendeinen Zugang. In dieses Mosaik passt im übrigen auch die Zerbombung der Brücken über der Donau. Dieses Stück Jugoslawien hat mit dem Kosovo bekanntlich so wenig zu tun wie Bayern mit Schleswig-Holstein, und wenn es jemanden gibt, der bei Flussübergängen auf Brücken verzichten kann, dann ist es das Militär, auch das jugoslawische. Der Sinn liegt woanders: Damit ist auf Jahre die wichtigste Wasserstrasse Europas zum Schwarzen Meer lahmgelegt.

Die USA wurden in ihrer Vorstellung der unangefochtenen Stärke seit 1989 durch Deutschland herausgefordert. Sie haben diese Herausforderung angenommen und spielen dabei, wie es sich machttaktisch gehört, vor allem ihre starke Karte aus: die militärische. Sie sind insofern tatsächlich die treibende Kraft zur Militarisierung des Konflikts. Und die Konstellation, Deutschland mit Hilfe seines Außenministerpraktikanten Fischer sowohl dieses Spiel mitspielen zu lassen als auch nebenbei noch die Massenbasis der halblinken Parteien in Deutschland erodieren zu können, muss für diese Herrenrunde mit Dame sicherlich Anlass für manches heitere Gelächter im kleinen Kreis gewesen sein.

Das Spiel wird weitergespielt mit dem Stichwort Bodentruppen. Der einflussreiche Senator John McCain hat es bereits am 12. April in der »Times« klipp und klar verkündet: »Now that we're in, we have to win«. Und in diesem Konflikt spaltet sich offenbar die Koalition wieder in ihre aus dem Irak-Krieg bekannten Teile auf, die zunächst unter dem Mantel der gemeinsamen Luftangriffe vereint schienen: USA und Großbritannien machen's, wenn es sein muss, allein, und Deutschland kann sich überlegen mitzumachen, wenn es sich nicht schon wieder aus seinem bislang stümperhaften Anlauf, wieder Weltmacht zu werden, vorzeitig verabschieden will.

 

Sozialismus ist Frieden, Imperialismus ist Krieg 

Nicht um der Rechthaberei willen, sondern weil die Prognose leider noch nicht erschöpft ist, soll abschließend hingewiesen werden auf einige Positionen im Streit, der 1989 bis 1991 unsere Medien und Diskussionen beherrschte. Als die DDR kassiert wurde, gab es zuhauf Illusionen über »Friedensdividenden«, »Demokratiepotentiale« und die Überlegenheit des Kapitalismus im Kapitel Menschen- und Bürgerrechte. Einzig die an Lenin und Luxemburg orientierten Kräfte haben mit ihrer Skepsis diese bis tief in die Reihen der PDS verbreitete wohlige Harmonie gestört.

Am 21. September 1991 beispielsweise veröffentlichte die kommunistische Wochenzeitung »unsere zeit« unter der Überschrift »Neue Weltordnung. Prognosen« folgenden Artikel:

»Dieser September 1991 ist seit dem Oktober 1917 der erste Monat, in dem Europa völlig frei ist. Vom Atlantik bis zum Ural, vom Nordkap bis Sizilien gibt es keine Regierung mehr unter Beteiligung einer Partei, die sich kommunistisch nennt. Der Kontinent ist von ihnen befreit, die Revolution von 1917 annulliert. Die große Koalition der Antikommunisten von Kohl bis Fischer, von Thatcher bis Jelzin hat gesiegt - auch durch die Fehler und die Überheblichkeit der Kommunisten. Die jetzt Geschlagenen werden nicht wundenleckend am Rande des Geschehens stehen, sie werden im Rahmen ihrer Kräfte weiter eingreifen. Illusionen machen sie sich keine. Kommunistinnen und Kommunisten werden den Gang der Geschichte in Europa für einige Jahre nicht wesentlich mit beeinflussen. Das lässt einige Grundfragen klarer werden. Wir sagen: Der Kapitalismus ist - egal in welchem Gewand - nicht friedensfähig. Wir wagen hier und heute die ehrliche, aber schlimme Prognose: Mit dem Fall der kommunistisch regierten Länder wächst die Kriegsgefahr für die gesamte Menschheit.

Auch die Gegenseite, die der siegestrunken feiernden Antikommunisten, hat ihre Prognose in dieser Hauptfrage. Am 26. August gibt ein Herr von Löwenstein auf Seite eins der >Welt< diese Prognose für die Gestaltung der Zukunft in der von kommunistischen Regierungen freien Welt ab: >Jetzt endlich zeichnet sich die zukünftige neue Weltordnung, der Weltfriede, eindeutig ab, nun, da die UdSSR nicht mehr unter dem Druck der Welteroberer-Ideologie steht ...< Wir nehmen diesen Satz auf Wiedervorlage. Halten wir aber fest, was wohl unbestreitbar ist: Die Zeit von 1945 bis 1990, in der Kommunisten die Regierungen in halb Europa stellten, war eine bisher für unseren Kontinent unbekannte Zeit von 45 Jahren Frieden. Für die nächsten 45 Jahre gibt es zwei Prognosen. Die der Sieger von heute, die da lautet: Die Kommunisten sind weg, der Frieden kommt. Und unsere Prognose: Die Kommunisten sind schwächer, der Frieden ist unsicherer.«

Soweit die Kommunisten vor über acht Jahren.

 

Aggression nach außen, Repression nach innen

Die Tatsache, dass die große »Welt« und andere irrten und die kleine »uz« recht hatte, beruht auf dem von Lenin und Luxemburg analysierten Wesen des Imperialismus. Der erwähnte Gudopp schreibt es noch klarer: »Imperialismus bedeutet Krise und Krieg, bedeutet die Quittung für die versäumte, nicht gelungene sozialistische Weltrevolution ..., bedeutet Weltkriegszustand in Permanenz - in manchen Phasen vergleichsweise unauffällig und latent, in anderen manifest, konzentriert massenmörderisch und große Dimensionen ergreifend, zerstörend und umwälzend.«

Genau da stecken wir drin und zwar solange, bis wir eine mit den Daten 1917 oder 1949 vergleichbare historische Tat, also einen ernsthaften Anlauf zur sozialistischen Revolution, zustande bekommen. Bis dahin wird Krieg zum Alltag werden. Er ist der jetzt fällige Preis für die Niederlage von 1989. Egal, wie das im Kosovo endet - es wird weitergehen in Tschetschenien oder in Kurdistan oder in anderen sogenannten Winkeln der Welt, die aus der Sicht der Betroffenen immer das Zentrum der Welt sind.

Und ein letztes: Auch die zur imperialistischen Münze untrennbar gehörende andere Seite der Aggression nach außen, die Repression nach innen, wird uns nicht erspart bleiben. Am 4. April, so berichtete der »Workers world news service« im Internet, ist bei einer belgischen Demonstration vor dem NATO-Hauptquartier der Journalist Michel Collon gezielt durch einen Greiftrupp aus der Demonstration herausgeholt und in einem Lastwagen anschließend bewusstlos geschlagen worden. Er hat überlebt - mit gebrochenen Rippen und einem gebrochenen Schlüsselbein. Collon ist jW- Lesern und anderen Eingeweihten bekannt als Autor der bisher wohl profiliertesten und detailliertesten Studie über die innerimperialistischen Konflikte, die sich bis 1997 im ehemaligen Jugoslawien entladen haben.

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