Collage_-_Stadt_OS2

DKP Osnabrück 

Informationen

Unsere Zeit

04.10.1999

Die erstaunliche Weitsicht von Rosa Luxemburg und Wladimir Lenin

 Von Manfred Sohn

 

Historikern kommt einiges an diesem Kosovo-Krieg von allen großen gegen eine kleine Macht merkwürdig bekannt vor. Denn das folgende spielte sich fast genau 100 Jahre früher ab:

Rosa Luxemburg kämpfte vergeblich. Das Protokoll des SPD-Parteitags vom 17. bis 21. September 1900 in Mainz weist zwar lebhafte Zurufe und Heiterkeit bei den prachtvollen rhetorischen Spitzen auf - aber ihre Rede über die dringende Notwendigkeit einer verstärkten Protestbewegung gegen den Chinakrieg hatte ihr Ziel, ausgehend von der Sozialdemokratie "in allen Ländern die gleichgültigen Volksmassen aufzurütteln"1 nicht erreicht.

Der Chinakrieg ist aus unseren Geschichtsbüchern als "Boxeraufstand" bekannt - nach einer damals aktiven chinesischen Untergrundorganisation, die sich "Faustkämpfer für Recht und Einigkeit" nennt und deren Ziel es war, die seit den 80er Jahren immer drückendere Fremdherrschaft abzuschütteln. Mit Untersützung der chinesischen Kaiserin drangen Aufständische im Juni 1900 in Peking ein und erwirkten, daß den rund 1000 in der Stadt lebenden Ausländern eine Frist von einer Woche gesetzt wird, um die Stadt zu verlassen. Soviel Souveränität war entschieden zuviel. Und nachdem am 20. Juni im Zuge der anhaltenden Unruhen auch der deutsche Gesandte Klemens Freiherr von Ketteler getötet wurde, ist der Anlaß da: 16.000 Soldaten aus 8 kapitalistischen Mächten (Japan, England, Deutschland, Rußland, Österreich, Italien, USA und Frankreich) fielen am 14. August in Peking ein und richten ein Blutbad an - getreu der Anordnung des deutschen Kaisers: "Pardon wird nicht gegeben!".

Was Rosa Luxemburg zu einer ihrer schwungvollsten Reden auf SPD-Parteitag treibt, ist aber nicht nur die frische Empörung über dieses Gemetzel allein. Sie versucht ihren Genossinnen und Genossen einzubleuen, daß dies mehr sei als ein weiteres Kapitel in der blutigen Chronologie der Kolonialisierung: "Der chinesische Krieg ist das erste Ereignis der weltpolitischen Ära, in das alle Kulturstaaten verwickelt sind, und dieser erste Vorstoß der internationalen Reaktion, der Heiligen Allianz, hätte sofort durch einen Protest der vereinigten Arbeiterparteien Europas beantwortet werden müssen." 2

Neue weltpolitische Ära - diesen Begriff und diesen Gedanken arbeitet sie in den Monaten vor dem Parteitag in einer Reihe von Artikeln heraus, die sich insbesondere mit der galoppierenden Flottenpolitik des deutschen Reiches und der englischen Militärreform befassen. In diesen Artikeln entwickelt sie einen Gedanken, der innerhalb der europäischen Sozialdemokratie ohne Resonanz bleibt - bis 14 Jahre später die grausame Wahrheit dieser Gedanke sich bestätigt.

Rosa Luxemburg beschäftigt sich in einer ganzen Reihe von Artikeln haarfein mit dieser Militärreform. Sie wird ausgelöst durch den sogenannten Burenkrieg. Nach der Entdeckung von Goldfeldern in Südafrika hatte England im Oktober 1899 einen Krieg gegen die dortige Burenrepublik - holländische Einwanderer - provoziert. Zunächst siegten die Buren und erst im Mai 1902 gelang es den Engländern, die Buren in einem blutigen Vernichtungsfeldzug niederzuwerfen. Zwischen 1899 und 1902 aber steht die erwähnte englische Militärreform. Diese Militärreform interessiert in Deutschland kaum jemanden - und Rosa Luxemburg hat dafür in einem Artikel vom 26. Mai 1900 in der "Leipziger Volkszeitung" auch Verständnis: "Auf den ersten Blick sind die vorgeschlagenen Reformen ziemlich unbedeutend...". Ihre sehr sorgfältige Analyse aber, von der hier nur das Kernergebnis dargelegt werden kann, fördert etwas Grundsätzliches zutage. Vor der Reform war die englische Armee in drei Teile gegliedert, von denen nur der geringste - das stehende Heer von 152.000 Mann - und auch dies nur zu einem Teil im Ausland eingesetzt werden durfte. Die Miliz und das Freiwilligencorps aber durften nur zur Verteidigung des Vereinigten Königreiches eingesetzt werden. Damit räumt die Militärreform auf und stellt ausländischen Interventionen die ganze britische Streitmacht zur Verfügung. Luxemburgs Schlußfolgerung: "Auf diese Weise wird zum ersten Mal in die militärische Verfassung Englands das Prinzip des Angriffskrieges und der Weltpolitik eingeführt und durch Gesetz heiliggesprochen. Darin liegt die enorme Bedeutung der Bill des Kriegsministeriums...". Und diese Prozesse laufen parallel mit dem aggressiv anwachsenden Militärpotential vor allem Deutschlands, aktuell seiner Aufrüstung zur See.

Rosa Luxemburg sieht klarer als andere den Zusammenhang zwischen der gegeneinander gerichteten Aufrüstung der damaligen imperialistischen Hauptmächte und der gemeinsamen Aktion in China, die eben nicht nur den Zweck erfüllt, einen anitimperialistischen Aufstand niederzuschlagen, sondern auch, beim Niederschlagen, auf den Mitschlagenden blickend, die Kräfte künftiger Konkurrenten abschätzen zu können. Und Rosa Luxemburg sieht diese Widersprüche im imperialistischen Block nicht allein - einige hundert Kilometer weiter östlich kommt ein anderer Kopf zu ähnlichen Schlußfolgerungen wie sie. Nun läßt sich über die weitere Politik Lenins sicher noch mehr streiten als über die über die Kriegswarnungen Luxemburgs hinausgehenden Positionen. Aber es wäre ein Fehler, mit dem Untergang der von den Sowjets geprägten Staaten auch alle Erkenntnisse wegzuwerfen, die ihre Vordenker in der Zeit anstellten, als ihnen die Unterstützung von Millionen Menschen zuwuchsen. Diese ebenfalls weit in der Vergangenheit liegenden Überlegungen sind für unsere heutige Debatte ebenso verblüffend aktuell.

Wir leben ja in Zeiten, in denen allerorten von "Globalisierung" und "Internationalisierung" die Rede ist.

Unbestreitbar ist: Kapitalismus hat den Weltmarkt hergestellt. Er hat dies in einem ersten Schritt getan durch die Globalisierung des Warenverkehrs. Das hat die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt. Er hat dies in einem zweiten Schritt getan durch die Globalisierung des Kapitalaustausches - das prägte die letzte Jahrhundertwende. Er tut dies gegenwärtig in einem dritten Schritt durch die Globalisierung der Produktion selbst - die sich allerdings bei nüchterner Betrachtung der erreichten Größenordnung dieses Prozesses noch sehr im Anfangsstadium befindet.

Alle diese Schritte der Globalisierung aber stets begleitet von der Illusion, das lege der Kriegsbereitschaft Fesseln an. Es gab um die Jahrhundertwende ein Buch, das damals ein wirklicher Bestseller und so eine Art Bibel der Friedensfreunde aller Richtungen war. Sein Autor war der Engländer Norman Angell, sein Titel: The Great Illusion. Dieses Buch wurde in 14 Sprachen übersetzt und erschien 1912 in Leipzig in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Die falsche Rechnung".3

Dieses Buch argumentiert aus der damaligen Sicht bestechend überzeugend - und das machte wahrscheinlich seine große Anhängerschaft aus. Angell registriert wie alle aufmerksamen Zeitgenossen seit ungefähr 1898 die zunehmende Aufrüstung Deutschlands gegen England und vermutet völlig richtig, daß dahinter vermeintliche ökonomische Interessen stünden. Das Buch besticht durch eine glänzende nüchterne ökonomische Abwägung der Gründe, die für und gegen einen Krieg der großen Nationen untereinander sprechen. Der Kern seiner Argumentation ist: Früher mögen Kriege gelohnt haben, heute, im Zeitalter der intensiven Handelsbeziehungen und der Massenheere lohnen sie nicht mehr, sie erschöpfen beide Beteiligten in einem Maße, daß nicht nur die Verlierer, sondern auch die scheinbaren Sieger am Ende ökonomisch ruiniert dastehen, sie also eine "falsche Rechnung" angestellt haben. Und im Vortext der deutschen Ausgabe erscheinen lange Darlegungen seitens der bürgerlichen ökonomischen Presse, die aus der Sicht des weltweiten Handels genau diese Argumentation heftig unterstützen.

Wie gesagt: Ein brillantes Buch, Nicken auf allen Seiten, eine scheinbar schlüssige, überzeugende, materialistische Argumentation - und heute alles Müll. Es kostet heute einigen Aufwand, das Buch aus den hinteren Bibliotheksregalen wieder hervorzukramen, in denen es im August 1914 beerdigt wurde.

Was war Angells Fehler? Es war der gleiche wie der, der auch heute vielfach gemacht wird: Er überschätzte das Gewicht eines Trends, vor allem aber überschätzte er die Gesamtrationalität des kapitalistischen Systems.

Geschichte fließt nicht im Takt der Dauer eines Menschenlebens. Was wir gegenwärtig erleben, ist strukturell nach der sozialistischen Niederlage in Europa von 1989 eine Wiedererstarkung der Mechanismen, die 1914 zum ersten Weltkrieg führten und die danach in dieser Form nicht weiter aktiv waren, weil auf den August 1914 der November 1917 und später der Mai 1945 folgten. Der Vulkan war zwar nicht mehr aktiv - aber er war nur zugepfropft. Hinter all' den gegenwärtigen Friedenserwartungen steckt die dünne, aber durch nichts belegte Annahme, daß das Gewicht der internationalen Produktionsnetze schwerer ist als das Gewicht der alten, 1989 von der Last der Systemkonkurrenz befreiten imperialistischen Grundstrukturen.

Solange diese dünne Annahme aber nicht bewiesen ist, sollte zumindest mit diskutiert werden was Lenin - dessen "Imperialismusanalyse" zu den Standardwerken der Kommunisten nach dem ersten Weltkrieg gehörte - zu dieser Frage schrieb (wobei ich annehme, daß Lenin Angell's Buch kannte, auch wenn er es hier nicht namentlich nennt): "Manche bürgerliche Schriftsteller (denen sich jetzt auch K. Kautsky zugesellt hat, der seiner marxistischen Einstellung z.B. von 1909, völlig untreu geworden ist) gaben der Meinung Ausdruck, daß die internationalen Kartelle, als eine der am klarsten ausgeprägten Erscheinungsformen der Internationalisierung des Kapitals, die Erhaltung des Friedens zwischen Völkern erhoffen lassen. Diese Ansicht ist theoretisch völlig unsinnig und praktisch ein Sophismus, eine unehrliche Methode, den schlimmsten Opportunismus zu verteidigen.... Die Kapitalisten teilen die Welt nicht etwa aus besonderer Bosheit unter sich auf, sondern weil die erreichte Stufe der Konzentration sie zwingt, diesen Weg zu beschreiten, um Profite zu erzielen; dabei wird die Teilung 'nach dem Kapital', 'nach der Macht' vorgenommen - eine andere Methode der Teilung kann es im System der Warenproduktion und des Kapitalismus nicht geben." 4

In der Tat: Sowohl der erste als auch der zweite Weltkrieg haben eine Fülle von Beispielen dafür geliefert, daß die internationalen Verflechtungen überhaupt keine Barriere bieten für das Auslösen eine Krieges zwischen den kapitalistischen Hauptnationen - und die Angst vor dem Untergang der Welt übrigens noch viel weniger.

Es ist bekannt, daß im ersten Weltkrieg Siemens munter Elektroausrüstungen an dänische und norwegische Firmen lieferte, die - mit Wissen aus München - in der britische Kriegsflotte landeten, die damit wiederum die deutsche Schiffe mitsamt ihrer Siemens-Kriegsausrüstung auf den Boden der Nordsee schickten. Was hindert denn Daimler-Chrysler daran, im kommenden Krieg sowohl LKWs an die US Army als auch an die Bundeswehr gleichzeitig zu verkaufen und sich daran zu freuen, wenn sie sich gegenseitig möglichst viele davon kaputtschießen? Etwa die Angst vor einem Atomkrieg? Schön wär's. Aber warum verwendet denn das Pentagon einen erheblichen Teil seiner Forschungsgelder darauf, die in den 60er Jahren gleichzeitig klar und hoch liegende Atomkriegsschwelle abzubauen und die Scheidelinie zwischen konventionellen und atomaren Kriegen zu einer Grauzone werden zu lassen, innerhalb derer dann militärische Operationen stattfinden können? Wenn die Angst vor einem Atomkrieg auch bei den Herrschenden - und nur auf sie kommt es zur Zeit leider an - so übermächtig ist: warum dann die Entwicklung der Neutronenbombe, warum die Miniaturisierung der Atomwaffen bis zur Ebene der kleinkalibrigen Granaten hinunter, warum der Einsatz von urangehärteter Munition im Irak und Kosovo? Doch wohl, um den Atomkrieg führbar zu machen. Und das Beschwören der Unführbarkeit eines "alles vernichtenden Atomkrieges" wäre dann wirklich nur noch hilfloses Jammern Wehrloser.

Bleibt als häufig zu hörendes Argument gegen einen drohenden Waffengang zwischen den imperialistischen Mächten selbst nur noch die alles überragende Überlegenheit der USA. Das schützt uns tatsächlich noch eine Weile - aber der Ablauf dieser Galgenfrist ist absehbar wie der Ablauf der Galgenfrist ab 1898 absehbar war, deren Wesen eben in der alles erdrückenden Überlegenheit der englischen Flotte gegenüber der deutschen bestand. Am Abbau dieser Überlegenheit wird bekanntlich heftig gearbeitet - die deutsche Panzerwaffe hat sich in den 70er Jahren von der amerikanischen Abhängigkeit gelöst, in den 80er Jahren gelang dies dank Tornado und Erstkonzeption des Eurofighter in der Luftwaffe, jetzt in den 90er Jahren wird das Ziel eines unabhängigen Satellitensystems offen verkündet und im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts wird Deutschland via WEU Zugriff zu Atomwaffen haben und wenn das französische Potential nicht reicht, werden sich mehrere Referenten im auswärtigen Amt noch einmal in die Rapallo-Akten vertiefen, um zu sehen, wie die Diplomatie dieses militärische Problem lösen helfen könnte.

 

Globalisierung oder Kontinentalisierung?

Kommen wir noch einmal zum vorherrschenden Bild, das sich die meisten von uns über die Zeit, in der wir leben, gemacht haben - oder gemacht bekommen haben. Nach diesem Denkmuster leben wir in dem Zeitalter, in dem sich durch die Tätigkeit der internationalen Konzerne die Frage der Nationalstaaten sowieso zunehmend in Luft auflöse und die Nation selbst zu einem Dinosaurier aus vergangenen Zeiten mutiere, die vielleicht noch einiges skurriles Ungemach auslösen, aber wenigstens aufgrund dieser internationalen Verflechtung keine großen Kriege wie 1914 oder 1939 mehr verzapfen könne. Im Grunde ist das eine Art links gewendeter deutscher Größenwahn, der glaubt, nachdem das Kapital die Enge des deutschen Marktes zu sprengen beginne, könne hinter Deutschland nur noch der ganze Globus kommen. Kommt er nicht - vor dem Globus kommt der Kontinent.

Denn Kapitalismus ist historisch gesehen ökonomisch nichts anderes als die Herstellung des Weltmarktes als eine der Grundvoraussetzungen für eine einheitliche Menschheit. Diese Herstellung der Welt als eine ökonomische Einheit, die wir heute häufig als "Globalisierung" und damit als eine neue Erscheinung verkaufen, ist aber schon vor über 150 Jahren im "Kommunistischen Manifest" analysiert und sie war damals schon über 100 Jahre am Laufen. Sie ist also nicht neu und sie ist auch keineswegs schon abgeschlossen. Und sie läuft, weil Kapitalismus ja nichts planmäßiges, sonders etwas chaotisches ist, nicht gleichmäßig, sondern in Schüben ab. Das unentwegte Wachsen des Kapitalismus braucht eine unentwegte Ausdehnung der Märkte und ein Sprengen der jeweiligen politischen Grenzen, die ihm einerseits einen Funktionsrahmen (Währungen, Normen, Gesetze) geben, ihn aber andererseits - bei weiterem Wachsen - einschränken. Also hat der Kapitalismus im 18. und 19. Jahrhundert die regionalen Grenzen gesprengt, in denen er zur Welt gekommen ist, die ihm aber bald zu eng wurden. Das Ergebnis war die Zertrümmerung der Kleinstaaten und die Geburt der klassischen bürgerlichen Nation, die wir heute noch kennen. Die Tatsache, daß das britische Empire im 19. Jahrhundert die alles beherrschende Macht war, deren Währung gleichzeitig Weltwährung war, hängt u.a. und in hohem Maße damit zusammen, daß diese Aufgabe auf der Insel bereits in den frühbürgerlichen Kämpfen im 17. Jahrhundert gelöst wurde - die Früchte dafür erntete das Empire dann im 18. und 19. Jahrhundert. Ebenso erklärt sich die im 20. Jahrhundert dominierende Stellung der USA im erheblichen Maße daraus, daß dieses Land in seinem bis heute blutigsten Krieg auf jenem Kontinent - den Sezessionskrieg 1861-65 - die Aufgabe des 20. Jahrhunderts schon im 19. löste: nämlich die Herstellung eines Marktes mit nicht nur teilkontinentalen, sondern fast ganz kontinentalen Ausmaßen. Die Geschichte Europas und insbesondere Deutschlands im 20. Jahrhundert ist der (zum Glück) mißlungene Versuch, gleiches wenigstens im 20. Jahrhundert zu schaffen: die Ausweitung der Grenzen des kapitalistischen Heimatmarktes bis an die Grenzen des Kontinents unter Führung der deutschen Großkonzerne und Banken.

Lenin ist hilfreich auch für mehr Klarheit in einem anderen Streit. Die angesichts der Tiefe der Zäsur erschreckend schwache deutsche Friedensbewegung gegen den Jugoslawien-Krieg ums Kosovo hat über weite Strecken den zunächst vernünftigen Versuch gemacht, bei den Erklärungen zu den Kriegsursachen an die Erfahrungen aus dem Irak-Krieg anzuknüpfen. Damals war klar: Es geht um "Blut für Öl". Also ist auch diesmal intensiv nach Ölfeldern und - da es sie nicht gab - ersatzweise nach anderen Rohstoffen bzw. wenigstens Zugängen zum Öl geforscht worden. Diese nahen Ölfelder wurden im Kaukasus entdeckt und dann gab es einen ziemlich verkrampften Streit darum, wie wichtig Jugoslawien und speziell das Kosovo als Zugang zu diesen Ölquellen sei.

Wiederum in Auseinandersetzung mit Kautsky, diesmal in der Frage, warum der Imperialismus nicht nur agrarische Gebiete erobert, schreibt der Russe: "Für den Imperialismus ist gerade das Bestreben charakteristisch, nicht nur agrarische Gebiete, sondern sogar höchst entwickelte Industriegebiete zu annektieren (...), denn erstens zwingt die abgeschlossene Aufteilung der Erde, bei einer Neuaufteilung die Hand nach jedem beliebigen Land auszustrecken, und zweitens ist für den Imperialismus wesentlich der Wettkampf einiger Großmächte in ihrem Streben nach Hegemonie, d.h. nach der Eroberung von Ländern, nicht so sehr direkt für sich als vielmehr zur Schwächung des Gegners und Untergrabung seiner Hegemonie...."5

Das ist nach wie vor gültig und erklärt nicht nur das Drängeln jeder aktuell nach Weltherrschaft strebenden Macht in jeden Krieg hinein, der gut und gerne auch von ein bis drei Mächten allein hätte gewonnen werden könnte. Dies erklärt m.E. eben auch, warum dieser Kosovo-Krieg vom Charakter her ein qualitativ anderer Krieg ist als die Kriege, unter denen wir aufgewachsen sind: Ob Vietnam, ob Falklands, ob Irak und alles dazwischen: Das waren jeweils Kriege einer imperialistischen Nation (zuweilen auch einiger) um ihre Eigeninteressen. Im Kosovo ging es aber vor allem um die Positionierung der Mächte unter- und gegeneinander. Insofern ist er m.E. ein klassischer Vorfeldkrieg wie der China-Krieg 1899. Er gehört historisch-systematisch schon zur aufsteigenden Linie, die zum III. Weltkrieg führt.

Wir sollten uns vor der arroganten Meinung hüten, wir seien einen zivilisatorischen Quantensprung von der alten Struktur entfernt, die zu zwei Weltkriegen führte. Wir sind es nicht. Noch einmal zu den ökonomischen Daten. Natürlich haben die Handelsbeziehungen heute zugenommen. Aber wir werden nächstes Jahr folgendes plastisch sehen: Die Exportraten Deutschlands werden zurückschnellen als ob Du in einem Auto mit Drehzahlmesser vom zweiten in den vierten Gang schaltest. Der Grund: Mit Wirken des EURO ist die Berechnungsgrundlage für die Exportanteile nicht mehr der enge deutsche Markt, von dem aus auch die LKW-Fuhre nach Belgien Export ist, sondern der kontinentaleuropäische Markt. Und in dieser Größenordnung gilt: Die Ökonomie spielt sich überwiegend zuhause ab.

Damit hat Deutschland - mit ein bißchen Verspätung - die Aufgabe gelöst, die Lenin klar formuliert hat. Er bringt diese Aufgabenstellung nach der Auswertung einer Tabelle mit den damals führenden Mächten. Japan taucht dort indirekt auf, spielt aber noch nicht die heutige Rolle. Setze im folgenden Text Japan an die Stelle Englands und England selbst mit Querstrich als Juniorpartner zu den USA6 und Du hast ziemlich genau die heutige Konstellation:

"Wir sehen hier drei Gebiete mit hochentwickeltem Kapitalismus (...): das mitteleuropäische, britische und amerikanische; darunter drei weltbeherrschende Staaten: Deutschland, England und die Vereinigten Staaten. Die imperialistische Konkurrenz und der Kampf unter ihnen werden dadurch außerordentlich verschärft, daß Deutschland nur über ein ganz kleines Gebiet und wenig Kolonien verfügt; die Bildung 'Mitteleuropas' liegt noch in der Zukunft, und seine Geburt geht in einem erbitterten Kampf vor sich." 7

Die Geburt ist kurz vor dem Ende, genug Blut hat's gegeben und die Zukunft beginnt pünktlich mit der Jahrtausendwende im Januar 2001.

Klar ist aber, wenn Lenins Analyse in seinen Kerndaten stimmt: Dies ist für das dann kontinentaleuropäische, aus deutschen Traditionen kommende Kapital eine Zwischenetappe. Kapitalismus ist Weltmarkt und die Herrschaft auf einem Kontinent kann nur Ausgangspunkt für den Kampf um die Weltherrschaft sein.

Dieser Kampf ist ökonomisch eröffnet mit der Bildung des EURO. Es liegt in der Natur gesellschaftlicher Prozesse, daß er seine militärische Ergänzung hervorrufen wird. Aber der Kernfakt ist der EURO. Mit ihm wird die Destabilisierung eingeleitet. Niemand täusche sich über den engen Zusammenhang zwischen Währung und Krieg. Der bristische Historiker Hobsbawn hat recht: "Die Katastrophe zwischen den Kriegen, deren Wiederholung ohne Zweifel verhindert werden muß, hat viel zu tun mit dem Zusammenbruch des globalen Handels- und Finanzsystems und dem darauf folgenden Zerbrechen der Welt in einzelne autarke Nationalökonomien oder Reiche. Das globale System war einst durch die Hegemonie oder wenigstens durch die zentrale Stellung der britischen Ökonomie und seine Währung, dem Pfund Sterling, stabilisiert worden. Zwischen den Kriegen waren Britannien und das Pfund nicht länger stark genug, um diese Last zu tragen, die nun nur von den USA und dem Dollar übernommen werden konnte." 8

In der Tat: Die Zeiten einer unangefochtenen kapitalistischen Leitwährung waren nie Zeiten ohne Unterdrückung und sogenannte kleine Kriege (die für die betroffenen keine kleine Kriege, sondern immer die großen, zentralen Lebenskatastrophen sind). Aber es waren Zeiten des Friedens zwischen den großen kapitalistischen Hauptnationen: das viktorianische Zeitalter und die goldenenen 50er bis 70er Jahre dieses Jahrhunderts. Die Angriffe auf Leitwährungen waren historisch immer identisch mit dem Heraufdämmern militärischer Waffengänge zwischen den Hauptnationen und dies ist kein zufälliger, sondern ein innerer Zusammenhang.

Es ist oben vom III. Weltkrieg gesprochen worden und allein dieses Wort löst in Diskussionsrunden jedesmal geweitete Augen und dünn werdende Lippen aus. Ich glaube in der Tat, daß wir dieser Gefahr aufrecht ins Auge blicken müssen und wir sie nicht kleinreden dürfen. Meine Auffassung ist so: Wir müssen uns für die kommenden zwei Jahrzehnte auf einen ökonomischen, politischen und auch militärischen Höllenritt vorbereiten. So wie die Kräfteverhältnisse gegenwärtig sind, halte ich die Verhinderung eines Krieges zwischen imperialistischen Hauptnationen - und das verbirgt sich ja hinter der Formulierung vom Weltkrieg - für möglich, aber unwahrscheinlich.

Aber um die Möglichkeit, es zu verhindern, müssen wir kämpfen mit allem, was wir an Herzblut und Klarheit haben. Es gilt das, was in der Zeit der faschistischen deutschen Besetzung in Holland an vielen Hauswänden stand: Es ist sehr ärgerlich, einen Handschuh zu verlieren. Aber es gibt kaum etwas schlimmeres, als einen Handschuh zu verlieren, dann den zweiten wegzuwerfen und anschließend den ersten wiederzufinden.

 

1.      Rosa Luxemburg, Werke I/1, 7. Auflage, Berlin 1990, S. 801

2.      ebenda

3.      Norman Angell, Die falsche Rechnung, Was bringt der Krieg ein?, Berlin-Charlottenburg o.J. (nach handschriftlicher Notiz der Universitätsbibliothek Göttingen 1912)

4.      Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Lenin, Werke (LW),  Berlin 1977, Band 22, S. 257

5.      ebenda, S. 273

6.      Die Sonderrolle Englands in unserer Zeit ist eine eigene Untersuchung wert. Angedeutet sei hier nur soviel: Meines Erachtens ist England das Opfer der Tatsache, daß die Herstellung der Welt als Einheit, die schon im "Kommunistischen Manifest" beschrieben wird und heute modern als "Globalisierung" verkauft wird, in unserer Zeit erstens in imperialistischer Deformation stattfindet und sich zweitens auf der Stufe des Zusammenschweißens der Kontinente befindet. Dabei droht der britische Imperialismus in die Lücke zu fallen zwischen dem erstarkenden Deutsch-Europa und dem Weltmacht-Verteidiger USA. Die Herrschenden in diesem früher einmal dominierenden Imperialismus haben sich noch nicht endgültig entschieden, auf welche Seite der kommenden Weltschlacht sie sich schlagen wollen - aber die Zeichen stehen zur Zeit jedenfalls eindeutig eher auf eine neue angloamerikanische Allianz als auf eine Einreihung in Kontinentaleuropa unter deutscher Führung.Das ist m.E. der tiefere Grund für den Nichtanschluß Londons an den EURO, für Rindfleisch- und Weinkriege und vor allem für die Abkopplung der britischen Rüstungsindustrie vom deutsch-französischen Block.

7.      ebenda, S. 277

8.      Eric Hobsbawn, a.a.O., p. 271, Übersetzung MS

 

[Start] [KarlOS] [roter Käfer] [Kommunales] [DKP-Infos] [Was ist Stamokap] [Zu Keynes!-?] [Die erstaunliche Weitsicht von Rosa und Wladimir] [Der Imperialismus ist der alte geblieben] [Zur gegenwärtigen Funktion der Sozialdemokratie] [ Grundsatzkonflikt vertagt ] [Geldstrom und Armenflut] [ Den Zwangsarbeitern stünden 180 Milliarden Mark zu] [Im Zeitalter der Weltkriege] [ Was war die DDR?]